| Warum Du mir nicht glauben wirst | ||
Wenn sich eine unmittelbare Gefahr unserem Auge schnell und drastisch
nähert, dann verschließt es sich von ganz alleine. Wir nennen
dieses Phänomen, das zweifelsfrei schon so manchen vor Schmerz und
Schlimmerem bewahrt hat, Reflex. Es gibt auch so etwas wie einen
geistigen/seelischen Reflex, der unseren Kopf vor realistischen aber
durchaus schmerzhaften Gedanken schützt. Damit meine Argumente
verstanden werden können ist es wichtig das geistige Auge krampfhaft
offen zu lassen, um genau sehen zu können wovon ich spreche. Ich
weiß ganz genau, im tiefsten Innern willst Du das hier nicht lesen.
Vieleicht weißt Du es noch nicht aber Du wirst feststellen, daß
dein Geist sich aus reinem Selbsterhaltungstrieb zur Wehr setzt, einfache
und logische Zusammenhänge anzuerkennen. Wenn ich mit anderen Menschen
über Unangenehmes spreche (wohlgemerkt über Dinge die Ihnen selbst
extrem unangenehm sind) stelle ich fest, daß Argumente und
Schlüsse fast sofort nach dem Gespräch bei meinem
Gesprächspartner wieder vergessen wurden. Sie sind oft nicht in der
Lage diese wiederzugeben, weil ihr Kopf sie sofort verdrängt hat. Du
mußt sehr aufpassen, damit dir nicht dasselbe passiert. Wann immer Du
ein Argument oder einen Anhaltspunkt akzeptierst, dann frage Dich. Tue ich
dieses, weil mir die Konsequenz aus diesem Argument zusagt, oder weil das
Argument das Schlüssigste und das Einsichtigste ist. Im ersteren Fall
hat Dir wahrscheinlich Dein Gehirn eine Schnippchen geschlagen. Die pure
Logik ist allein in der Lage uns von unseren schmeichelnden
Gemütsregungen unabhängig zu halten, die nur wollen das wir uns
in der Realitätsferne wohl fühlen, weil dies in der Realität
anscheinend nicht möglich ist. Beispiele für diese geschickte
Verdrängungstaktik unseres Denkapparates sind weitreichend bekannt und
erforscht. Man denke nur an Menschen, die in ihrer Kindheit sexuell
mishandelt wurden und später keinerlei Erinnerung mehr daran zu haben
scheinen. Trotzdem ist dieses Thema unangenehm für den Betroffenen.
Irgendwo tief im Unterbewußtsein weiß die weiße Masse
schon, welche Geheimnisse sie vor uns versteckt hält und sie
läßt sich nur sehr ungern in die Karten gucken. Auch an mir
persönlich konnte ich diesen Mechanismus beobachten. Ich habe 20 Jahre
lang fest an etwas geglaubt, obwohl mir Tatsachen vorlagen, die keinen Raum
zum Zweifel über dessen Unwahrheit ließen. Mein Gehirn hat mir
dabei so manches fadenscheinige Argument aufgebauscht und so mansches gute
Argument heruntergespielt. Wirklich sicher sein, das etwas wahr ist kann man
deshalb wirklich nur, wenn einem diese Wahrheit im tiefsten Inneren
unangenehm ist und bleibt und man sie dennoch als logisch und einsichtig
erkennt. Nur dann ist man vor den Finnessen der weißen Masse
geschützt. Bei einem nahen Verwandten beobachte ich heute noch sehr
interessiert mit wieviel Arbeit und Mühe ihn seine grauen Zellen
glauben lassen, der erste Mensch habe 4000 vor Christi gelebt und ein gutes
Jahrtausend später, sei die komplette Menschheit durch die Sintflut
ausgelöscht worden. Trotz der Flut an Hinweisen von menschlichem Leben
weit vor diesem Datum und der Ahnenreihen der Ägypter die, die Flut
anscheinend unbeschadet überlebt haben müssen, ganz abgesehen von
der paradoxen Vorstellung, daß sich die Bewohner des australischen
Kontinents schwimmend zum afrikanischen begeben haben sollen, um sich dort
von der Arche retten zu lassen, findet er immer wieder Ausreden und auch
andere erfolgreiche Wahrheitsverdränger, die zu Ruhm gekommen sind und
nette Bücher zu diesem Thema geschrieben haben. Ihre Zahl ist abnehmend,
aber Ihre Zuhöhrer sind dankbar für jeden Grashalm, an dem sie
sich festhalten können, denn nicht selten hängt die Rechtfertigung
eines ganzen Lebens von den zerbrechlichen Feinheiten Ihres spezifischen
Glaubens ab. So auch bei meinem nahen Verwandten. Nicht nur, daß er
sich eingestehen müsste, das er 25 Jahre lang Märchenerzählern
aufgesessen ist und ihnen fleißig Zeit und Geld geopfert hat, er
würde sich zudem noch damit abfinden müssen, das die Versprechungen
seiner Glaubensgemeinschaft über das schöne Leben nach dem Tod,
genauso ins Wanken gerät, wie seine Ehe, da seine Frau noch viel besser
verdrängen kann als er und mit einem ungläubigen Mann wohl nicht
zurecht käme. All dies bereitet Schmerz und Unbehagen genug, um die
Gefühlspolizei des Oberstübchens auf den Plan zu rufen. Da werden
Argumente als zu ungenau verhaftet, oder als nicht nachweisbar (da man sich
auch nicht weiter informieren möchte) exekutiert. Andere logische
Schlüsse werden vorsorglich in Gewahrsam genommen, wo sie auch bleiben,
teilweise für Jahre, teilweise für immer. Irgendwann erinnert man
sich dann noch daran und sagt sich: "Ich habe mich mal damit
beschäftigt, aber irgendwie konnte ich das damals erklären."
Und schwups beenden wir den routinemäßigen Besuch unserer
Vollzugsanstalt.
Neben der automatischen Verdrängung der Dinge, die uns unangenehm
erscheinen, ist noch eine weitere Unart des Geistes in der Lage uns dem
Offensichtlichen zu verschliessen. Ich nenne es die Musketier Methode.
"Einer für alle, alle für einen" Meine Gesprächspartner
bedienen sich dieser Methode nur allzu gerne und ich bin sicher, daß
auch Du ab und an darauf zurückgreifst, ohne es Dir bewußt zu
machen. Die Methode funktioniert folgendermaßen. Wenn jemand eine
Argumentation vor Dir aufbaut, die logisch und nachvollziehbar ist, aber
gleichzeitig ein Stück von Deinem Glauben oder Selbstwertgefühl
angreift, dann geht dies verständlicherweise nicht ganz ohne Emotionen
ab. Du kommst zu dem Punkt, das Du das Gesagte im Grunde nicht akzeptieren
willst und sei es auch noch so einleuchtend. Diese Stellung nimmst Du
manchmal bewußt, aber sehr oft auch unbewußt ein. Die
unbewußte Variante trifft immer häufiger zu, wenn Du mit Deiner
Ansicht durch eine lange Gewöhnungsphase gegangen bist, sprich einen
großen Teil Deines bisherigen Lebens in Frage stellen
müßtest. Folglich nimmst Du eine geistige Trotzhaltung ein. Da
Du aber dem Gesprächspartner etwas entgegnen mußt und ihn
natürlich auch widerlegen möchtest, wartest Du alle seine
Argumente geduldig ab und wartest auf das eine Argument, (das übrigens
meist völlig losgelöst und auch unwichtig für die
Argumentationskette an sich ist) das etwas wacklig daherkommt. Vieleicht
ist es ein Gimmik, eine Lebenserfahrung des Betreffenden, die natürlich
subjektiv und ohne echten Beweis daherkommt. Findest Du solch ein
angreifbares Argument gehen schwupps die Pferde mit Dir durch. Endlich
meinst Du den Schwachpunkt der gesamten Argumentation erkannt zu haben,
machst eine abfällige Bemerkung wie: "Das kann man so oder so sehen."
oder "Woher soll ich wissen, daß..." und übersiehst dabei
völlig, daß der Rest absolut schlüssig und (ganz wichtig)
von diesem Teil des Gesagten unabhängig ist. Da es wichtig ist eine
solche Situation zu erkennen kommen wir zu einem einfachen Beispiel. Herr
Huber will seinen Hund mit nach England nehmen. An der Fähre klärt
ihn jemand über die Bestimmung auf, das Tiere erst in Quarantäne
müssen und erklärt ihm dies folgendermaßen. "Herr Huber, ihr
Hund kann heute nicht mit nach England, er könnte irgendeine Krankheit
haben, die es in England nicht gibt, z.B. Tollwut, deshalb gibt es ein
Gesetz das besagt, daß Tiere erst für einige Wochen in
Quarantäne müssen." Um Herrn Huber , der sehr an seinem Hund
hängt eine zusätzliche Stütze zu geben sagt man ihm noch
folgendes.: "Außerdem, tun ihrem Hund ein paar Wochen in der
Quarantäne sicher ganz gut. Die Tiere werden dort hervorragend
versorgt und sehen sie mal Ihr Hund sieht wirklich nicht ganz gesund aus."
Heidewitzka, Herr Huber, der von einer Quarantäne wirklich nichts
hören will, hat natürlich nur die Dinge gehört, wegen denen
er sich beleidigt fühlen kann und (viel wichtiger) die er
entkräften kann. Seine Argumentation dafür, daß sein Hund
sofort mit nach England kann lautet folgendermaßen.: "Eine
Unverschämtheit anzudeuten ich würde meinen Hund nicht gut
versorgen, er hat es immer gut bei mir gehabt und gesund ist er auch.
Wir waren erst letzte Woche beim Tierarzt. Er ist halt nicht mehr der
Jüngste. Der Arzt hat gesagt er wäre für sein Alter noch
kerngesund. Sie haben wohl kein Auge für Tiere." Herr Huber ist jetzt
fest davon überzeugt, die Argumentation seines Gegenüber
zerschlagen zu haben. Irgendwie ist ihm entgangen, das Argument Nummer 1,
die gesetzliche Bestimmung auch Gültigkeit hat, wenn sein Hund letzte
Woche beim Arzt war und auch, wenn er nur deshalb etwas heruntergekommen
aussieht, weil er schon sehr alt ist. Herr Huber wird des weiteren jede noch
so deutliche Begründung seines Gegenüber ignorieren, da sie von
einem Mann stammt der die Situation seines Hundes derart falsch
einschätzt und ja offensichtlich mit Vorurteilen gegenüber seinem
Hund behaftet ist. Was ein wenig wie eine Satire wirkt ist dennoch, wenn
auch oft schwerer zu erkennen fester Bestandteil der meisten Gespräche
mit Parteien unterschiedlicher Meinung. Um sich für neue Erkenntnisse
und Einsichten offen zu halten ist es deshalb von immenser Bedeutung, die
wirklich wesentlichen Stützen einer Argumentation aus dem Text des
Gesprächspartners herauszuseihen. Die Ausschmückungen mögen
interessant oder dümmlich sein, das tut im allgemeinen nichts zur
Sache. Die Entwicklung dieser Fähigkeit ist um so wichtiger, da es die
Wahrheit (wenn es sie denn gibt) leider nirgendwo im Konzentrat, sondern
immer vermengt mit allerlei Gefühlsduselei, sprachlichen Ungenauigkeiten
etc. etc. gibt. Versuche im ersten Ansatz nie Deinen Gesprächspartner
zu widerlegen, sondern erst ihn zu verstehen. Wenn Du ihn verstanden hast
und das eigentliche Fundament seiner Argumentation anzugreifen in der Lage
bist, dann bitte.
Übungen für einen lernunfähigen Geist.
Wenn wir einmal etwas gelernt haben, dann wollen wir diesen Fall gerne
abschließen. Der geistige Aktenordner wird säuberlich an seinen
Platz gestellt und ein Bibliothekar hält Wache, daß keine kleinen
Jungs kommen und mit Ihren Stiften in den Büchern herumkritzeln. Ob man
eine neue Information akzeptiert hängt nicht davon ab, ob das neue
Unerwartete, das uns begegnet richtiger oder wahrer ist, als das, was wir zu
kennen glauben, sondern davon in welcher allgemeinen Anerkennung der steht,
der es gesagt hat, ob es geschrieben oder gejodelt wurde, in welcher Zeitung
es gedruckt wurde oder ob der Gesprächspartner einem vorher
geschmeichelt hat oder nicht. Einem freundlichen Vertreter glaubt man nunmal
eher, daß der Staubsauger locker 10 Jahre überlebt, auch wenn die
Garantie nur 6 Monate beträgt. Wir sehen also unser Bibliothekar ist
durchaus korrupt. Das müssen wir ihm abgewöhnen. Die Aussage: "Wer
schmeichelt lügt." und "Wer einen guten Ruf hat kann auch viel Mist
erzählen ohne das man es merkt." sind leider oft wahr und diese
Erkenntnisse müssen wir in leuchtenden Buchstaben über unsere
Bibliothek hängen, damit sie eine Wirkung erzielen. Dabei ist das Ziel
selbstverständlich nicht, daß ich alles glaube was mir
unfreundliche Menschen erzählen und nicht was mir freundliche
erzählen. Das Ziel soll sein, daß man in der Lage ist, sich
völlig unabhängig von derartigen Äußerlichkeiten zu
halten. Da unser eingebauter Bibliothekar jedoch so seine Schwierigkeiten
damit zu haben scheint ist es schon erlaubt stark überzogene Aussagen
für die andere Seite zu benutzen, um das Bild wenigstens halbwegs
gerade zu hängen. Getreu nach dem Motto: "Sage es überdeutlich,
sonst brauchst Du es gar nicht zu sagen." Benutze dieses Motto aber bitte
nicht um zukünftige Aussagen von mir abzuschwächen, sonst
wäre ich gezwungen es überüberdeutlich zu sagen, was oft
nicht ganz so einfach ist.
Fangen wir einmal damit an, wie Altgewohntes gepaart mit Emotionen, Deine
Logik ganz schön auf den Leim schicken können. Ein Mann fährt
Auto. Er hat einen leichten Faible für sportliche Töff-Töffs
und hat es gerade sehr eilig, also erlaubt er sich in der Stadt mit 65 km/h
anstatt den üblichen nur von Fahrschulautos gefahrenen 50 km/h zu
fahren. Ein Polizist blitzt ihn und weil eine Schule in der Nähe war,
gibt das 200 DM Geldstrafe. Manche mögen jetzt sagen die Strafe ist
verdient, manche Vater Staat hat mal wieder abgezockt. So gut wie niemand
ist der Meinung, der Mann habe viel zu wenig Bestrafung genossen.
Überlege und stimme mir zu, bevor Du weiterliest.
Stell Dir jetzt exakt die gleiche Situation vor. Dem sportlich fahrenden
Mann springt aus heiterem Himmel ein Schulkind, welches er vorher
unmöglich sehen konnte elegant vor den Kühler. Peng, das Kind
ist tot. Ein Leben ist von hier auf jetzt für immer ausgelöscht.
Der Mann wußte das eine Schule in der Nähe war und das Kinder
manchmal die Angewohnheit haben unbedacht die Fahrbahn zu betreten oder
Geschwindigkeiten von Autos falsch einschätzen. All dies wird zusammen
mit den verzweifelten Eltern des toten Kindes in einer Gerichtsverhandlung
durchgesprochen und der Fahrer bekommt 5000 DM Geldstrafe und ein Jahr den
Führerschein entzogen. Manche mögen jetzt sagen, die Strafe ist
verdient, andere regen sich auf, welch lächerliche Strafe für
jemanden der durch sein unverantwortliches Handeln das Leben eines Kindes
auf dem Gewissen hat. So gut wie niemand ist der Meinung, der Mann habe die
Strafe überhaupt nicht verdient und man hätte ihn nach Leistung
einer kleinen Summe Geldes wegen zu schnellen fahrens laufen lassen sollen,
ohne ihn mit Gerichtsverhandlungen und anderem Getöse zu
belästigen.
Wir sind solche Entscheidungen gewöhnt und unser Mitleid mit dem auf
der einen Seite abgezockten Autofahrer und auf der anderen Seite, den
armen Eltern des toten Kindes, lassen uns beide Strafen als gerechtfertigt
erscheinen. Tatsache bleibt jedoch. Beide Autofahrer haben sich exakt des
selben Vergehens schuldig gemacht, nur mit unterschiedlichen Ergebnissen,
die außerhalb seines Einflusses waren. Man hat Russisch-Roulette
gespielt (zugegeben mit einer Riesentrommel) und einmal war die Kammer voll.
Aufgrund von Gewohnheit und Emotionen sind wir unfähig eine Situation
objektiv zu beurteilen. Es geht mir nicht darum zu sagen, das jeder der 65
km/h fährt ins Gefängnis gehöhrt oder niemand bestraft werden
sollte, sondern nur darum, das der Mann in beiden Fällen gleich betraft
werden müßte, um die Strafe als gerecht und gerechtfertigt zu
bezeichnen.
Oliver Jörns
