| Erfahrungsbericht 5 | ||
Ich kam 1979 zur Kirche, als ich 17 Jahre alt war. In meiner
Schulklasse war ein Mädchen, mit der ich befreundet war, das sich im
November 1978 der Kirche anschloss und begeistert erzählte. Ich war sehr
neugierig und ich empfand, dass dieses Mädchen eine besondere AuststRahlung
hatte. Sie war natürlich sehr erfreut, als ich auf sie zuging und sie
bat, mir mehr von dieser neuen Kirche zu erzählen. Als sie mir erzählte,
dass sie junge Leute an dem Abend bei einer Mormonin zu Hause trafen zu einem
'Familienheimabend' wollte ich das gern auch erleben. Meine Freundin lud mich
ein zu einem sehr schönen, geselligen, lustigen Abend mit ein paar jungen
Mitgliedern der Kirche und mit den Missionaren. Damit begann meine Untersucherzeit.
Noch am selben Abend konnte ich meine Fragen loswerden, die
die Kirche betrafen und ich machte einen Termin mit den zuständigen Missionaren
aus. Die waren hocherfreut, hatten sie doch eine junge Frau gefunden, die
aufgrund ihrer Minderwertigkeitskomplexe sehr empfänglich war für
die menschliche Zuneigung, die ihr da entgegengebracht wurde. Für mich
stand fest, da mag ich dazugehören. Die mögen mich, so wie ich bin.
Bei den Belehrungen, die ich von den Missionaren erhielt, hatte
ich immer ein sehr gutes Gefühl. Ja, ich hatte dieses Brennen im Herzen,
von dem die Missionare erzählt hatten. Dieses Brennen sollte von der
Wahrheit der Kirche und von dem was ich erfuhr Zeugnis geben, so jedenfalls
wurde es erklärt.
Meine Eltern waren nicht sehr erfreut über meine neuen
Aktivitäten. Sie verweigerten mir die Erlaubnis, mich der Kirche anzuschließen.
Ich war zu dem Zeitpunkt zwar schon religionsmündig, doch ich wohnte
noch zuhause und wollte weiterem Ärger aus dem Weg gehen. So hatte ich
eine längere Untersucherzeit, als es üblich war. Die Mitglieder
der Gemeinde in Freiburg machten keinen Unterschied. Für sie gehörte
ich schon dazu. Nach viel Überreden und drängeln bei den Missionaren
tauften sie mich dann doch heimlich am 25. Juli 1979.
Durch die Kirche lernte ich meine, damals zukünftige, Schwiegermutter
kennen, die sich einen Monat vor mir der Kirche anschloss. Sie lud mich immer
wieder zu sich nach Hause ein und ich befreundete mich mit ihrem jüngsten
Sohn. Er hat sich nie der Kirche angeschlossen, weil er immer schon das Gefühl
hatte, dass die Kirche nicht wahr ist. So schloss ich am 28. September 1982
eine Ehe außerhalb der Kirche, was bedeutete, dass ich auch nicht in
den Tempel durfte. Damals war es Frauen noch nicht erlaubt in den Tempel zu
gehen, wenn der Ehepartner nicht mitgehen konnte. So blieb ich ohne das Endowment.
Im Oktober 1983 wurde unsere erste Tochter geboren. Mein Mann
und ich vereinbarten, dass unsere Kinder zuerst in der katholischen Kirche
getauft sein sollten und später, wenn sie es wünschten, wechseln
durften. Im April 1984 wurde also unser kleines Mädel Katholikin. Allerdings
nahm ich sie immer mit, wenn ich die Mormonenkirche besuchte. In den Jahren
1985 und 1987 wurden uns noch einmal Mädchen geboren. 1991 und 1996 wuchs
unsere Familie dann noch um 2 Söhne an.
Zusammen mit den Kindern besuchte ich die Mormonenkirche meist
regelmäßig. Wenn ich mal nicht gehen konnte, hatte ich trotzdem
immer den Wunsch, in den Versammlungen zu sitzen. Die Kinder fühlten
sich in der PV sehr wohl und ich hatte meine Berufungen in FHV, PV und Sonntagschule.
Immer wieder gab es Schwierigkeiten in der Familie, weil ich meinen Mann zu
belehren versuchte. Ich wollte, genau wie die anderen Familien, einen Priestertumsträger
als Ehepartner haben. Immer wieder versuchte ich meinen Mann mit Mitgliedern
der Gemeinde in Kontakt zu bringen, lud die Missionare ein, die das Gespräch
mit ihm suchten, und betete und fastete für ihn, dass er auch ein 'Zeugnis'
von der Wahrheit der Kirche bekommen sollte. Ich vertraute auf Gott, dass
er ihm den richtigen Weg zeigen würde.
So vergingen die Jahre, unsere Kinder wurden größer
und die Älteste vollendete ihr 13. Lebensjahr. Sie durfte sich taufen
lassen. Ich war überglücklich. Nur gab es jetzt wieder einige Probleme
mit meinen Eltern, weil sie um ihre Enkelin Angst hatten. Sie waren überzeugt
davon, dass dies alles nur aufgrund der Gehirnwäsche erfolgte und nicht
aus Überzeugung. Sie machten mir große Vorwürfe, dass ich
jetzt meine Kinder auch noch in diese Sekte einschleuste.
Kurze Zeit brach der Kontakt zu meinen Eltern ab, bis sich alle
Gemüter wieder beruhigt hatten. Ein halbes Jahr nach der Ältesten
wurden auch die beiden anderen Töchter getauft. Alles schien jetzt in
Ordung zu sein. Ich hatte meine Berufung in der Sonntagsschule, die Kinder
fühlten sich bei der Organisation der 'Jungen Damen' (JD) und der Primarvereinigung
(PV) sehr wohl.
Ab Herbst 1997 ging das Gerücht herum, dass die Gemeinde
Freiburg geteilt werden sollte in eine Gemeinde Freiburg und einen Zweig Emmendingen.
Als aus dem Gerücht Tatsache wurde, stand fest, dass meine Familie zum
Zweig Emmendingen zugeordnet werden sollte. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl,
dass die Entscheidung der Priestertumsträger falsch war. Ich diskutierte,
betete, fastete, aber nichts brachte die Verwaltung dazu, mich in Freiburg
zu belassen. Irgendwann akzeptierte ich es, nachdem ich noch einmal gebetet
hatte. Ich wollte diese Bestätigung haben und mein Gefühl sagte
mir, dass es OK ist. Ab Frühling 1998 besuchte ich also mit meinen Kindern
den neuen Zweig Emmendingen, der sich das Gemeindehaus in Freiburg mit der
Gemeinde Freiburg teilte. Wir waren nachmittags in der Kirche. Das hat unsere
Familie über die Maßen belastet.
In der neuen Gemeinde nahm ich die Berufung als Ratgeberin in
der PV-Leitung an. Zu der Zeit kamen bei mir immer wieder Gefühle auf,
die sich gegen die Kirche und gegen die leitenden Priestertumsträger
richteten. Ich rebellierte innerlich, dachte aber, dass dies wohl alles damit
zusammenhängt, dass ich eben eine Stufe erreicht hatte, wo es nicht mehr
weiterging. Ich war mir sicher, dass ich jetzt unbedingt in den Tempel sollte,
um mit dem Herrn neue Bündnisse zu schließen. Dadurch erhoffte
ich mir, dass diese negativen Gefühle wieder weggehen würden. Von
früheren Gesprächen mit meinem Mann wusste ich, dass er mir den
Tempelbesuch nicht erlauben würde, weil es ein bestimmtes Ritual gibt,
dass er nicht akzeptieren konnte, nämlich das Anlegen des Garments (eine
besondere Art Unterwäsche, zu der ich verpflichtet war, sie zu tragen).
Ich sprach mit dem damals zuständigen Zweigpräsidenten, damit er
mit meinem Mann (sozusagen von Mann zu Mann) sprach. Er meinte, dass ich es
noch einmal selbst versuchen sollte, und er, wenn es keinen Erfolg brachte,
mit ihm einen Termin machen würde.
Das Gespräch mit dem Zweigpräsidenten fand am Sonntag,
den 21. Juni 1998 statt, das Gespräch, das ich mit meinem Mann führte,
am Dienstag, den 23. Juni. Wie nicht anders zu erwarten war, hatte er seine
Einwände gegen den Tempelbesuch alleine wegen der Verpflichtung, hinterher
das Garment zu tragen. Er machte seine Witze daraus. Einer seiner Sätze
war: "Da hat wohl jemand eine Unterwäsche-Fabrik gehabt und bekam
dann ganz schnell eine Offenbarung, die die Mitglieder der Kirche verpflichtet,
diese komische Wäsche zu tragen." Ich wollte ihm beweisen, dass
er Unrecht hatte. Da ich wusste, dass es von der Kirche eine Wegsite im Internet
gab, suchte ich dort nach dem Begriff Garment. Dabei stieß ich auf eine
Website, die ich schon einmal im April 1998 kurz aufmachte, aber gleich wieder
schloss, weil es eine Informationsseite war, von der uns abgeraten wurde,
sie zu lesen. Es war die mormonen.de. Auf dieser Seite las ich dann, dass
es von der Ersten Vision mehrere Versionen gab, wie dieses Erlebnis von Joseph
Smith erzählt wurde. Jede von diesen Versionen unterschied sich von der
Anderen in wichtigen Punkten.
Ich war geschockt. Ich kannte nur die Version, die im Buch 'Die
Köstliche Perle', einem der vier Standardwerke der Mormonen, abgedruckt
war. Ich erfuhr, dass Joseph Smith diese offizielle Version erst im Jahre
1838 veröffentlichte. Das sind 18 Jahre zwischen dem erzählten Erlebnis
und der Niederschrift. Die anderen Versionen stammten aus den Jahren 1832
und 1835, also immerhin auch 12 bzw. 15 Jahre nach dem Ereignis. Ich überprüfte
die Quellen, die benutzt wurden. Dabei stellte ich fest, dass genau die Quellen,
die die Kirche benutzte, wenn sie etwas über die Kirchengeschichte schrieb,
auch für diese Informationen genutzt wurde. Also waren es keine 'Hören-Sagen-Geschichten'
von irgendwelchen Leuten, die die Kirche einfach nur schlecht machen wollten,
sondern offizielle Berichte, die in den Kirchenarchiven zu finden waren.
Für mich gab es jetzt 2 Möglichkeiten. Entweder ich
verschloss meine Augen und tat so, als ob ich nie etwas gesehen hätte,
nie etwas gelesen hätte und ging weiter zur Kirche, in der ich mich ja
sehr wohl gefühlt hatte, oder ich blieb der Kirche fern. Ich entschied
mich für die 2. Möglichkeit, weil ich mich selbst nicht belügen
konnte. Ich schrieb an den damaligen Zweigpräsidenten einen Brief in
dem ich ihm mitteilte, dass ich meine Berufungen nicht mehr ausüben wollte
und dass ich nicht mehr zur Kirche kam. Die Gründe dafür schrieb
ich dazu.
Natürlich bekam ich in der Zeit danach viele Besuche von
Mitgliedern, Missionaren, Heimlehrern, Besuchslehrerinnen usw. Alle waren
sehr bemüht, meine Seele zu retten. Zu dem Zeitpunkt hoffte ich noch,
dass ich mich nur geirrt hatte, dass sich alles aufklären würde
und dass ich dann wie gewohnt wieder meinen alten Glauben ausüben konnte.
Doch, wie jeder, der diesen Weg erkannt und gegangen ist, erkannte ich, es
gibt keine Aufklärung, es gibt von offizieller Seite auch keine Richtigstellung,
die einem Zweifler zeigt, wo Gegenbeweise zu finden sind. Einzige Möglichkeit,
diese Zweifel wieder zu verlieren, so wurde mir gesagt, war, alles wegzulassen,
das sich kritisch mit der Kirche und deren Lehre auseinandersetzt und darüber
zu beten und zu fasten. Ich bekam auch viele Emails von Mitgliedern einer
deutschen Mailing-Gruppe, der ich damals angehörte. Auch sie bemühten
sich wirklich sehr liebevoll um mich.
Heute, über 14 Monate nach meiner 'Erleuchtung', bin ich
eine glückliche Frau, die den Weg aus einer (wie ich leider jetzt sagen
muss) Sekte gefunden hat. Am Sonntag, den 25. Juli 1999 erklärte ich
meinen Austritt aus der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzen Tage.
Am Samstag, den 4. September erhielt ich das Schreiben, dass ich nach einer
Einspruchsfrist von 30 Tagen endgültig aus den Registern der Kirche gestrichen
werde.
Diese Ausstiegsgeschichte wird noch ergänzt im Laufe der Zeit.
Für Fragen stehe ich gern zur Verfügung. Meine Email-Adresse
lautet gabi@ex-mormonen.de
